Handlungsempfehlungen

  1. In allen Ländern der Union Bürgerforen einrichten, die über die Zukunft Europas diskutieren, wobei die offensiven Vorschläge des französischen Präsidenten Macron dabei einen von mehreren Ausgangspunkten bilden könnten.
  2. Eine Diskussion über die Einführung eines gemeinsamen europäischen Passes, europäischer Steuern und eines europäischen Feiertags in allen Ländern der EU in Gang setzen.
  3. Bildung von Arbeitsausschüssen in Parlament und Rat, die Vorschläge für eine gemeinsame Politik in Bereichen von Sicherheit, Außenpolitik, Sozial- und Wirtschaftspolitik sowie in Fragen von Menschenrechten und Migration vorlegen.

Zusammenfassung

Im ersten Teil des Policy Briefs stehen liminale Phänomene im Mittelpunkt. Das deutsche Wort ‚Grenze‘ bezieht sich nicht nur auf räumliche und sichtbare Grenzen. Viele Grenzen bleiben unsichtbar, sind aber für die Kohäsion und für die Zugehörigkeit zu einer Kultur der Europäischen Union von Belang. Grenzen sind mit Blick auf das menschliche Dasein und die menschliche Kultur nicht primär Hindernisse, sondern die Bedingung der Möglichkeit Beziehungen zwischen Menschen zu stiften. Sie können als Instrumente für Freiheit, Respekt und friedvolles Verhalten dienen. Den unsichtbaren Grenzen Aufmerksamkeit zu schenken ist für eine positive Entwicklung Europas unabdingbar.

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Die Grenzen Europas

1. Grenzen…

Die Grenzen Europas, Titel einer prominenten internationalen Konferenz am Istitituto Italiano di Studi Germanici in Rom,[1] ist eine Formel  mit einem doppelten Boden. Im Genitivus objectivus frägt sie landläufig nach den Grenzen des Halbkontinents, den schon Paul Valéry – angesichts der abzusehenden  globalen Dominanz Chinas – als eine der asiatischen Landmasse vorgelagerte Halbinsel begriffen hat.[2] Im Genitivus subjectivus ist Europa eine handelnde symbolische Entität, die selbst bestimmt, was ihre Grenzen sind und was damit Europa ausmacht. Die zweite Fragestellung scheint uns indessen interessanter zu sein, und zwar nicht nur deshalb, weil sie bislang unterbelichtet geblieben ist, sondern auch weil sie das Problem nach dem Selbstverständnis und dem Selbstbild des Halbkontinents ins Zentrum rückt.

Um sich dieser Frage annähern zu können, ist es notwendig,  das Phänomen der Grenze neu zu beleuchten und einige simplifizierende Vorstellungen liminaler Phänomene zurechtzurücken. Im Zusammenhang damit möchte ich fünf Punkte nennen:

1. Die Zentralität von Grenzen als bestimmender Rahmen

Seit den angelsächsischen Cultural Studies und damit verbunden postkolonialen und postimperialen Ansätzen ist es mittlerweile zu einer Selbstverständlichkeit geworden, staatliche und herrschaftliche Territorien nicht mehr ausschließlich aus der Perspektive des (herrschaftlichen) Zentrums zu thematisieren, sondern eben jene Ränder und Grenzen ins Spiel zu bringen, die bislang vornehmlich als marginal angesehen wurden. Damit kommt aber nicht nur die Perspektive all jener zum Tragen, die vom Herrschaftszentrum vernachlässigt und als sekundär betrachtet wurden und werden. Vielmehr wird deutlich, dass die Grenze auf doppelte Weise konstitutiv für die Eigenart und den Nomos eines gegebenen realen wie symbolischen Raumes ist. Grenzen bestimmen das Verhältnis zu einem nachbarschaftlichen oder auch feindseligen Außen, Grenzen bilden aber auch den Rahmen jenes Raumes, der durch sie geschaffen wird.

2. Liminalität als ein zentrales Moment jedweder Kultur

Grenzen sind entgegen allem Anschein auf paradoxe Weise zentral. Insofern ist das Setzen von Grenzen, von denen es zahllose innerhalb eines kulturell strukturierten Raumes gibt, eine maßgebliche Aktivität, ohne die es keine Kultur geben kann. Entgegen ihres schlechten Rufes, sind Grenzen keineswegs, wie so oft suggeriert, Verhinderungen, sondern, wie Georg Simmel oder Massimo Cacciari gezeigt haben[3], Ermöglichungen gemeinsamen Handelns, individuell wie kollektiv. Mit ihnen gehen auf der Ebene des Handelns dialektische Verknüpfungen einher: Trennen und Verbinden, Öffnen und Schließen. Damit verbunden sind Polaritäten wie Oben/Unten, Drinnen/Draußen oder Diesseits/Jenseits. Grenzen sind, insbesondere unter modernen Bedingungen temporäre dritte Räume des Aushandelns.

3. Die Unhintergehbarkeit von Grenzen

Grenzen lassen sich nicht abschaffen, sie sind auf die eine oder andere Weise stets vorhanden. Was wir tun können, ist Grenzen zu gestalten. So können wir entscheiden, wie wir Öffnungs- und Schließungsprozesse gestalten, welche Verbindungen wir präferieren und welche Trennlinien unabdingbar sind. Europa ist eine solche symbolische Manufaktur, die Grenzen neu bestimmt. So hat sich die Europäische Union dafür entschieden, an den nach 1945 entstandenen Grenzen, ungeachtet der Fragen, ob sie nun gerecht sind oder nicht, auf keinen Fall zu rütteln, sie aber gleichzeitig radikal zu verändern, so dass sie am Ende jenen Verwaltungsgrenzen zwischen Bundesländern, Kantonen, Provinzen, Gespanschaften, Kreisen, Regionen oder Komitaten ähneln, die in nahezu allen ihren Mitgliedsstaaten bestehen.

4. Die Unsichtbarkeit von Grenzen

Zu den weit verbreiteten Vorurteilen gehört, dass Grenzen sichtbar sind. Aber das trifft nur auf wenig liminale Phänomene zu. Zwischen Menschen bestehen im Normalfall ganz bestimmte Grenzen, die – in persönlichen Situationen und überfüllten städtischen Verkehrsmittel – eingehalten werden sollen. Jede Situation des Fremd-Seins ist mit unsichtbaren Grenzen verbunden. Liminalität hat mit Nähe und Distanz zu tun. Geld ist ein Phänomen, das auch einen räumlichen Aspekt hat, nämlich jenen, dass man in vielen Ländern der Europäischen Union mit einer grenzüberschreitenden Währung, eben dem Euro, bezahlen kann. Der grenzüberschreitende Schritt des gemeinsamen Geldes provoziert fast automatisch die Frage nach den Folgen, die dieser im Hinblick auf eine gemeinsame, transnationale  Sozial- Wirtschafts- und Steuerpolitik hat.

Auf die symbolische Ebene umgelegt kommt damit die Frage ins Spiel, wie homogen und wie heterogen der symbolische Raum Europas ist, wie nah sich die Menschen aus den verschiedenen Ländern sind und inwiefern sie imstande sind, gemeinsam und damit trans-national zu agieren. Damit zusammen hängt auch die Frage, ob sie über gemeinsame mittlere europäische Erzählungen verfügen, die sie verbinden und nicht trennen. Davon hängt nicht zuletzt auch ab, wie die Regierungen der europäischen Mitgliedstaaten, ihre Binnen–  und ihre Außengrenzen gestalten werden.

Der klassische Nationalismus ist eine symbolische Agentur, die Fremde, zumeist im feindlichen Sinne produziert. Es ist übrigens höchst unwahrscheinlich, dass die Schließung der Außengrenze der Europäischen Union das Offenhalten der Binnengrenzen gewährleistet. Viel wahrscheinlicher ist, dass die Renaissance des Nationalismus schon mittelfristig zu einer Schwundstufe von Europa führen würde, mit letztendlich militärischen Grenzziehungen, wie sie dem Konzept der traditionellen souveränen Nationen entsprechen. Insofern ist der britische Austritt ein heilsames Beispiel. Die Gegner einer vertiefenden Integration im Rahmen der Europäischen Union haben an einem Punkt gewiss Recht. Diese Integration bedeutet nämlich schon heute eine einschneidende Einschränkung nationaler Souveränität, die heute eine kontrafaktische Erzählung ist, mit dem Versprechen einer gemeinsamen Grenzpolitik, die Frieden in Europa sichert und die einzelnen Staaten durch den europäischen Verbund in einer globalen Welt auf einigermaßen sichere Beine stellt.  Dass die Einschränkung nationaler Souveränität keine schlechte, sondern eine gute Botschaft ist, muss den Menschen in Europa nähergebracht werden.

Wenn die Europäische Union eine Nachbarschaftspolitik zu ihren Anrainerstaaten pflegen will, wird sie nicht umhin kommen, Grenzregelungen zu vereinbaren, die nicht auf einer einseitigen Schließung beruhen. Was Europa braucht, ist eine gemeinsame Politik von Grenzziehungen, eine bestimmte Form des bordering und zwar nicht nur der sichtbaren, sondern auch der unsichtbaren Grenzen.

5. Die zeitliche Dimension von Grenzen

Grenzen werden zumeist höchst einseitig als räumliche Phänomene dargestellt, sie sind aber mindestens auch psychologischer und symbolischer Natur. Dass sie oft räumlich vorgestellt werden, hat damit zu tun, dass sich räumliche Metaphern besonders gut dazu eignen, Nicht-Sichtbares anschaulich zu machen. Alle liminalen Erscheinungen haben zudem eine zeitliche und prozessuale Struktur. Sie kennen Öffnungs- und Geschäftszeiten und sie unterliegen einem steten Wandel. Kurzum, in Grenzen verbinden sich Raum und Zeit. Auf der anderen Seite geht jene Utopie, die implizit alle Räume in heterogene Räume verwandeln möchte, ins Leere. Kultur ist nämlich im Gefolge der oben beschrieben Dialektik stets ein Widerspiel von homogenisierenden und heterogenisierenden Prozessen. Grenzen finden nicht immer und vielleicht auch nicht überwiegend an territorialen Linien stand, im Gegenteil lösen sich nicht selten die Differenzen an jenen Grenzen, die ja auch konnektiv sind, tendenziell auf, nicht zuletzt, weil der Einfluss des Zentrums an den Grenzen schwächer ist als in ‚näheren‘ ‚Gebieten‘.


In Europa sind die Himmelrichtungen Nord und Süd sowie West und Ost mit Ungleichheiten verbunden, die auf Dauer den Zusammenhalt der Union gefährden könnten.

Legt man diese fünf Perspektiven übereinander, so ergibt sich ein gedankliches Tableau, das die Bedeutung und Bedeutsamkeit liminaler Phänomene sichtbar macht. Wobei vielleicht noch ein Moment hinzufügen wäre, dass Grenzen potentiell ein asymmetrisches Verhältnis innewohnt. In diesem Zusammenhang ist erwähnenswert, dass das deutsche Wort Grenze, das im Vergleich zum Englischen, das etwa zwischen border, boundary,  frontier oder margin unterscheidet, slawischen Ursprungs ist, was in den meisten gesprochen slawischen Sprachen (Tschechisch, Kroatisch, Polnisch) gut sichtbar ist (hranice, granica). Es sind, historisch betrachtet, Grenzen zwischen dominant germanischen und dominierten slawischen Territorien. Zwischen ihnen hat es von der Vergangenheit bis weit in die Gegenwart hinein asymmetrische Machtverhältnisse gegeben, die letztere potentiell in die Position der Marginalität und der Peripherität gedrängt haben. In Europa sind die Himmelrichtungen Nord und Süd sowie West und Ost mit Ungleichheiten verbunden, die auf Dauer den Zusammenhalt der Union gefährden könnten.

Grenzen sind zentral für unser Leben und für die politische Zukunft etwa Europas. Sie spielen entscheidend in das hinein, was wir als Identität, als Heimat und als Zugehörigkeit verstehen. Sie sind Rahmen der Orientierung und des symbolischen Ordnens. Aber in ihrer Differenzsetzung müssen sie nicht zwangsläufig diskriminierend sein. Das könnte ein Satz über eine zukünftige europäische ‚Raumordnung‘ sein.

Grenzen sind, Cacciari folgend, limes und limen, im Extremfall sind sie scheinbar unüberwindbare Zäune und Mauern oder Nicht-Orte[4] ohne jegliche Zugehörigkeit: Hotels, Flughäfen oder Bahnhöfe, die sich dadurch auszeichnen, dass jeder an diesem scheinbar grenzenlosen Ort fremd ist. Joseph Roth hat derartige fremde Orte, an dem jeder deplaciert ist, eindringlich beschrieben, etwa in Das falsche Gewicht.

Der von einem unüberwindlichen Limes umgebende Raum ist aufschlussreich im Hinblick auf seine Wirkung von Innen und Außen. Für die Bewohner eines derartigen realen oder symbolischen Territoriums, also von innen aus betrachtet, ist es ein Haus ohne Ausgang, strukturell ein Gefängnis, für die  Menschen, die sich draußen befinden, ist es ein unzugängliches Gebiet, von dem sie ausgesperrt sind. Ein anderer österreichischer Autor, nämlich Kafka, hat nicht nur in seinen Romanen Der Prozeß und Das Schloß diesen Mechanismus plastisch dargestellt, bei dem sowohl Eingang wie Ausgang systematisch versperrt sind. Allein das Wort Schloß suggeriert die Situation der Versperrung. Wer keinen Schlüssel besitzt, kommt weder herein noch heraus. Damit kommt aber wiederum die Frage der Macht ins Spiel. Politisch umgelegt war der ‚reale Sozialismus‘ in Osteuropa ein solches System. Zugspitzt gefragt stellt sich die Frage, ob Europa als Kafkas Schloss eine attraktive und zukunftsträchtige Perspektive darstellt.

Aber auch das Gegenteil, die vollständige Öffnung, erscheint im Lichte unserer Überlegungen nicht besonders erstrebenswert, entsteht doch dadurch ein symbolisch schwacher Raum völliger Beliebigkeit, in dem Gestaltungsmöglichkeiten und Verantwortungen aufs äußerste beschränkt sind.

Der vollständige offene, ungeschützte Raum, das scheinbare Gegenteil zum Gefängnis ist ein Nicht-Ort im Sinne Augés[5] so wie der Bahnhof, der Flughafen, das Hotel oder das Gasthaus, ein Kommen und Gehen. Politisch gewendet würde er sehr bald einem diktatorischen Regime anheimfallen, das alsbald den beliebig gewordenen Raum vollständiger Kontrolle unterzöge.

2. …Europas

In seinem 1946 verfassten Essay über Europa hat Karl Jaspers anschaulich beschrieben, wie europäische Reisende vor 1914 ohne Pass durch Europa – Russland und St. Petersburg ausgenommen – reisen konnten. Er konfrontiert indes jene erstaunliche Tatsache mit dem Bild einer Krise: Irgendetwas stimmt an dem friedfertigen Bild des Reisens nicht. Denn zugleich befand sich dieses Europa in einer tiefen Sinneskrise, die Jaspers durch drei Namen markiert: Kierkegaard, Nietzsche und Marx. Letzterer steht für die sozio-ökonomische Krise, die beiden anderen für  Gottverlassenheit, Sinn- und Glaubenskrise.[6] So lässt sich ein Spannungsverhältnis  konstatieren, das erstaunlicherweise bis heute anhält. Was Europa zusammenhält, sind nicht zuletzt jene Werte, die in der Moderne in Frage gestellt wurden. Aber gegen Jaspers gewendet ließe sich argumentieren, dass diese Modernität mitsamt der Schrecken eine gemeinsame Erfahrung darstellt,  die der tschechische Philosoph und Mitbegründer der Charta 77 Jan Patočka einmal als die „Solidarität der Erschütterten“ bezeichnet hat. Sie erzeugt ein Zusammengehörigkeitsgefühl, das uns – ich denke dabei an die Figur von Benjamins Engel der Geschichte – in eine Zukunft drängt, in der Europa einen Raum und zugleich einen Prozess darstellt, in dem sich Freiheit entfalten kann.


An der grundlegenden Idee, den Nationalstaat des 19. Jahrhunderts zu überwinden, sollten wir 2019 festhalten.

Als Jaspers seine Überlegungen vortrug, gab es weder gemeinsame europäische Institutionen noch ein dazugehöriges Regelwerk. Die Zeit vor 1914 war gekennzeichnet von einer eigentümlichen Überlagerung dynastischer Regime durch die aufstrebende Idee des Nationalstaats. Für Jaspers wie übrigens für die Gründerväter der Europäischen Gemeinschaft stand von allem Anfang fest, dass es um die Überwindung eben jenes Nationalstaates ging, der nicht nur den Rahmen für die moderne Massendemokratie bildete, sondern zugleich der Ausgangspunkt all jener Verheerungen gewesen ist, in deren Zentrum ein dreißigjähriger Krieg (1914-1945) stand mit einem nie zuvor gekannten Ausmaß an toten Soldaten und Zivilisten, an kollektivem Massenmord (Shoah) und an vertriebenen Menschen.

An der grundlegenden Idee, den Nationalstaat des 19. Jahrhunderts zu überwinden, sollten wir 2019 festhalten. Bei aller Vorsicht gegenüber Hegels Dialektik lässt sich in diesem Fall wirklich von einer Aufhebung im doppelten Wortsinn, Beseitigung und Erhalt, sprechen. Vielleicht ist dieses dialektische Aufheben am Ende paradox, verbindet es doch eigentlich zwei unvereinbare Schritte. Das europäische Projekt ist eines, das den traditionellen Nationalstaat des 19. Jahrhunderts aufhebt, ihn einschränkt und in gewisser Weise beseitigt. Was es indes in modifizierter Form aufhebt und bewahrt, ist  das demokratische Erbe, das es auf eine transnationale Ebene hebt, um den kontrafaktischen Wahn von Nation und Nationalismus einzudämmen: sein Bestreben nach Homogenität, seine Konstruktion des Anderen als eines Feindes, sein damit verbundenes aggressives Potenzial und vor allem seine Idee strikter Grenzen. In einer global gewordenen Welt ist der europäische Nationalstaat keine politische Entität, die imstande wäre, Freiheit in all ihren Facetten –  Handlungsfähigkeit, Menschenrechte, Souveränität, Meinungsfreiheit – zu gewährleisten. Auf die Erzählung von Freiheit, Respekt gegenüber Anderen, von Bereitschaft zu Frieden, Ausgleich und Austausch ist jenes Europa gegründet, das wir nicht nur verteidigen, sondern in der friedlichen Auseinandersetzung mit dessen Gegnern auch weiterentwickeln sollten.


Das europäische Projekt bringt jene Vielfalt, die historischen Imperien eigen ist, historisch wieder aufs Tapet.

An einem Punkt haben die Gegner des europäischen Projektes mit ihrer anti-imperialen Rhetorik Recht. Das europäische Projekt bringt jene Vielfalt, die historischen Imperien eigen ist, historisch wieder aufs Tapet. Ein transnationales Gebilde wie die Europäische Union, ein Verbund, ja eine Föderation von Staaten, verficht eine grundsätzlich andere Politik der Grenzen als der klassische Nationalstaat. So wie vor 1914 die dynastischen Regime von anfänglich demokratischen Nationalismen in Bedrängnis gebracht wurden, so sieht sich heute ein überkommener Nationalismus mit einem transnationalen Projekt konfrontiert, das dessen Regelwerk und Grenzpolitik in Frage stellt. Es ist kein Zufall, dass der Widerstand gegen das europäische Projekt in jenen Ländern am stärksten ist, die erst nach dem langen Umweg des realen Sozialismus ihre nationale Souveränität im Sinne der französischen jouissance ‚genießen‘ wollen. Sie sahen sich nach 1989 vor die schwierige Aufgabe gestellt, ihre nationale Souveränität nach dem Sieg über den ‚realen Sozialismus‘ zu etablieren und sie sogleich einzuschränken. Die verständliche Kritik an der gegenwärtigen Politik etwa in Polen, Ungarn, Tschechien und der Slowakei übersieht einen wichtigen Umstand: dass kulturelle Prozesse wie die Transformation des Nationalstaates in ein größeres Ganzes – und um solche handelt es sich dabei, geht es doch dabei um Phänomene wie Identität, Heimat und Differenz – Zeit benötigen, ein Quantum, das größer ist als das Zeitmaß hektischer Politik. Dieses Spannungsverhältnis bedroht derzeit den Zusammenhalt der Europäischen Union.


Es ist kein Zufall, dass der Widerstand gegen das europäische Projekt in jenen Ländern am stärksten ist, die erst nach dem langen Umweg des realen Sozialismus ihre nationale Souveränität im Sinne der französischen jouissance ‚genießen‘ wollen.

Grenzpolitik bezieht sich dabei auf die sichtbaren wie unsichtbaren Grenzen – nach innen wie nach außen. Sie bedeutet zum Beispiel die Verstärkung der Bestrebungen, die sprachlichen und kulturellen Grenzen zwischen den Mitgliedsstaaten als Transfer-Prozesse zu begreifen, in dem die Menschen wieder lernen die Grenzen zu nutzen, um wenigstens rudimentär die Sprachen der jeweiligen Nachbarn – das müssen nicht die territorialen sein – zu lernen.

Wenn die Europäische Union programmatisch eine grenzüberschreitende Währung besitzt und für alle Mitgliedssaaten anstrebt, dann muss sie ihren sozialen, ökonomischen und fiskalischen Grenzen und der damit verbundenen Ungleichheit mehr Aufmerksamkeit schenken. Mindestlohn, Akkordierung der Steuerpolitiken, Solidarität mit ökonomisch schwächeren Ländern sowie die Einführung europäischer Steuern gehören in diesen Bereich, der die Länder Europas trennt.


Europa kann nur Bestand haben, wenn es sich weiterentwickelt und in entscheidenden Bereichen integriert.

Die Europäische Union war stets und ist noch immer ein unabschließbarer Prozess, der sich durch seine Dynamik bestimmt. Die Antwort auf den neuen Nationalismus muss daher offensiv sein. Europa kann nur Bestand haben, wenn es sich weiterentwickelt und in entscheidenden Bereichen integriert. Dazu gehört die Verwandlung der Europäischen Union in eine Europäische Föderation, in der jeder Bürger einen europäischen Pass besitzt und in der die Nationalstaaten in dem oben erwähnten Doppelsinn gut aufgehoben sind, als territoriale politische Akteure, wie wir sie von föderal organisierten Staaten in Europa kennen. Zu diesem ‚Optimismus des Willens‘ – eine Formel, die auf Antonio Gramsci zurückgeht – gehört auch ein langer Atem. Politische Veränderungen beruhen auf kulturellem Wandel – dieser lässt sich nicht beliebig beschleunigen.

Wenn sich Europa als ein Raum der Freiheit und der Menschenrechte definiert, dann muss es eine gemeinsame Politik entwickeln, die in ihrem Inneren Mobilität zulässt und neben der Einhaltung der Genfer Konvention auch Nachbarschaftshilfe mit seinen kontinentalen Nachbarn (Afrika, Asien) entfaltet, die sowohl einen geregelten Zugang von Arbeitskräften zulässt und zugleich im eigenen Interesse die wirtschaftliche Entwicklung in der Nachbarschaft fördert.

Was das europäische Projekt braucht, ist Mut und Zuversicht. Es kann zeigen, dass es, anders als  seine Widersacher, über realistische Antworten auf die globalen Herausforderungen verfügt. E la nave va, lautet der Titel eines bekannten italienischen Films, aber es hat, ungeachtet wahrscheinlicher Rückschläge, immer noch gute Chancen anzukommen, ohne zuvor unterzugehen.

Handlungsempfehlungen

  • In allen Ländern der Union Bürgerforen einrichten, die über die Zukunft Europas diskutieren. Die offensiven Vorschläge des französischen Präsidenten Macron könnten dabei einen (von mehreren) Ausgangspunkten bilden. Ein solcher europäischer Diskussionsprozess könnte auch die mediale Vernetzung der Mitgliedssaaten intensivieren.
  • Eine Diskussion über die Einführung eines gemeinsamen europäischen Passes, europäischer Steuern und eines europäischen Feiertags in allen Ländern der Europäischen Union in Gang setzen.
  • Bildung von Arbeitsausschüssen in Parlament und Rat, die Vorschläge für eine gemeinsame Politik in Bereichen von Sicherheit, Außenpolitik, Sozial- und Wirtschaftspolitik sowie in Fragen von Menschenrechten und Migration vorlegen. Die Länder, die sich auf ein solches gemeinsames Vorgehen einigen, könnten sich innerhalb der Europäischen Union informell zu einer Kerngruppe zusammenschließen.
  • (Finanzielle) Förderung von Sprachkompetenz und Spracherwerb von Nachbarsprachen und damit von Multilingualität in Europa im Bereich von Schule, Universität, Medien, Nachbarschaft.

[1] https://www.studigermanici.it/index.php/le-iniziative/1065-i-confini-d-europa-prospettive-nel-presente-e-nel-futuro, heruntergeladen am 20.3. 2019, um 8:30.  Eine Publikation der Konferenz ist in Vorbereitung.

[2] Paul Valéry, Notes sur la grandeur et décadence de l’Europe (1927),  La crise de l’esprit, in: Oeuvres, éd. Jean Hytier, Bibliotèque de la Pléiade, II, Paris 1960,  S. 929-934.

[3] Massimo Cacciari, Wohnen. Denken. Essays über Baukunst im Zeitalter der völligen Mobilmachung. Aus dem Italienischen von Reinhard Kacianka, Klagenfurt: Ritter 2002. S. 73-84; Georg Simmel, Brücke und Tür., in: Simmel, Georg: Aufsätze und Abhandlungen 1909-1918, Bd. I, Gesamtausgabe. Herausgegeben von Otthein Rammstedt. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 2001. S. 55- 61; Wolfgang Müller-Funk, Theorien des Fremden, Tübingen: UTB/Francke 2016, Kapitel 1.

[4] Marc Augé, Orte und Nicht-Orte. Vorüberlegungen zu einer Ethnologie der Einsamkeit. Aus dem Französischen von Michael Bischoff. Frankfurt/Main: S. Fischer, 1994. S. 53-134.

[5] Siehe Anm. 3.

[6] Karl Jaspers, Rechenschaft und Ausblick. Reden und Aufsätze, München: Piper 1951, S. 275.

Über den Autor

Dr. phil. habil. Wolfgang Müller-Funk war Professor für Kulturwissenschaften u.a. an den Universitäten Birmingham/UK und Wien. Internationale Lehr und Forschungstätigkeit. Zuletzt: Fellow am Institut für die Wissenschaften vom Menschen in Wien sowie Gastprofessor an den Universitäten Sapienza, Rom  und Oslo.

Publikationen, zuletzt: Theorien des Fremden (2016)

Weitere Informationen finden sich auf https://wolfgangmuellerfunk.wordpress.com/

 Kontakt: wolfgang.mueller-funk@univie.ac.at

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Artikelbeschreibung

ISSN 2305-2635

Die Ansichten, die in dieser Publikation zum Ausdruck kommen, stimmen nicht unbedingt mit jenen der ÖGfE oder jenen der Organisation, für die der Autor arbeitet, überein.

Schlüsselwörter

Grenzen, Europa, Liminität, Europäische Union, Nationalismus, Nationalstaat

Zitation

Müller-Funk, W. (2019). Die Grenzen Europas. Wien. ÖGfE Policy Brief, 15’2019